Meine Geschichte dahinter

Antriebe

Mein Name ist Inga Ellen Kastens. Ich habe weidefunk gegründet. Gründe gab es genug dafür.

Die Wertschöpfungskette der industrialisierten Tierproduktion hat nichts Gutes, nichts Wertvolles. Sie ist das genaue Gegenteil von dem, was die Werbung den Menschen darüber erzählt.

Meine persönlichen langjährigen Erlebnisse im Industriesektor „Lebendmarkt“ machten mich mürbe, traurig und total mutlos. Doch Flügel hängen lassen, ist das eine Alternative?

Ich beschloss, kein Fleisch mehr zu essen. Gut 25 Jahre lang verzichtete ich auf Fleisch, davon viele Jahre auch auf Milchprodukte. 

Kindheit

Kein Fleisch essen ist ein Weg, den man u.a. dann einschlägt, wenn man zuviel gesehen hat, was die Lebensmittelindustrie einem Durchschnittsverbraucher nicht zeigen möchte.

Meine Geschichte der Einblicke begann im jungen Alter von 11 Jahren. Nach einem Besuch auf einem Schlachthof in Zeven (Niedersachsen), wo meine Mutter regelmäßig Pansen für ihre Hunde geholt hatte, war es eines Tages soweit. Normalerweise blieb ich im Auto oder aber ging mal kurz mit in die große Verarbeitungshalle, wo die toten, nackten Tierkörper durch metallene Riesenschächte nach unten plumpsten. Von dort aus wurden sie von hektisch im Akkord arbeitenden Mitarbeiter:innen in alle nur erdenklichen Teile zerlegt.

Eines Tages wurde dieser Schlachthof umgebaut und es war nur dieser eine Blick in die so genannte Wartehalle der Tiere. Hier erhielt ich die ersten Einblicke, die Auftakt waren für ein immer intensiveres Hinschauen . Dahin, wo Tiere für Lebensmittel buchstäblich produziert werden: Ställe, Transporte, Schlachthöfe & Co.

Der Einzelne und das Wertvolle

Wir wohnten in einem Dorf im Teufelsmoor. Die Einkäufe mit mir im hiesigen Penny Supermarkt dürften ab meinem Schlachthof-Erlebnis unangenehm geworden sein – für die Anderen. Als Kind hast Du ja hierzulande eine Form der Narrenfreiheit in der Meinungsäußerung. Und davon machte ich lautstark Gebrauch – fast jeder Griff von jemanden in die Tiefkühltruhe mit den Fleischwaren wurde von mir kommentiert.

Ein – nennen wir es mal – „Dialog“ blieb mir dabei bis heute im Gedächtnis: Nachdem ich  emotionsgeladen eine Dame anblöckte, was sie sich dabei denke Fleisch zu kaufen, erwiderte diese: „Ach, was glaubst Du denn, Kind, änderte sich, wenn ich jetzt nun kein Fleisch kaufe? Millionen Menschen machen es!“

Ich stellte daraufhin impulsartig eine Gegenfrage, an der ich bis heute eisenhart festhalte: „Sehen Sie! Und da zig Millionen Menschen genau das sagen ‚Alle kaufen es doch!‘ ändert sich rein gar nichts!“

Das Wertvolle im Tun eines Einzelnen wird häufig unterschätzt. Da die Wirkung nicht sofort ersichtlich ist. Doch jeder einzelne, der was tut, trägt zum Gewicht einer Veränderung der Massen bei. Wir erleben derzeit in der Klimadiskussion genau einen solchen Menschen, der eben doch daran geglaubt hat, das ein Einzelner verflucht viel ausrichten kann.

Und so paradox es klingt: Da ich genau daran glaube, begann ich vor ein paar Jahren wieder damit, dann und wann ein wenig Fleisch zu essen.

Wirkung von der Masse

Die Schwarz-Weiß-Diskussion gehört zur Menschheit wie der Blutkreislauf zum Organismus. Pro Fleischessen „Ich lass mir mein Schnitzel doch nicht wegnehmen!“ – versus striktem Versagen „Fleischessen ist Mord!“. Ein Dazwischen schien lange nicht möglich. Totgestreichelt wurde schließlich meines Wissens nach noch kein Tier.

Ganz ohne Frage liegen Lösungsbestandteile darin vergraben, auf etwas zu verzichten, was Leid verursacht. Vegetarismus und Veganismus sind starke gesellschaftliche Entwicklungen. Sie sind schätzens- und förderungswert. Doch die Paradoxien der Zahlen machen schlechte Laune: Zwar stieg der Anteil der Vegetarier und Veganer. Doch senkte sich deswegen der Fleischkonsum? Fleisch aus der Massentierhaltung ist sogar zum Füllmaterial geworden, so billig ist es teilweise. Es ist sogar so unfassbar billig, dass eine Discounter-Salami bei „preisbewussten“ Verbrauchern jeder Marmelade schon aufgrund des Preises vorgezogen wird.

Ich schätze und freue mich über jeden Menschen, der kein Fleisch mehr isst. Zu meinen besten Freund:innen gehören Veganer und Vegetarier. Aber ich freue mich nicht vorrangig über die Einstufung „Vegetarier“ oder ähnliches. Sondern darüber, dass sich diese Menschen überhaupt Gedanken über Tiere als Lebensmittel machen. Täten dies alle Menschen – auch wenn sie nicht direkt den Fleischkonsum einstellten – wären wir einen bedeutenden Schritt weiter. Stellt Euch vor, 82 Millionen Menschen würden bei nur jedem fünften Mal einkaufen (!) bewusst und ehrlich darauf achten, woher das Fleisch oder die Milch kommen. Was, glaubst Du, könnte dies wohl bereits bewirken..?

Mehr als ein fairer Deal: Die neue Lust an der Ursprungsgeschichte unserer Lebensmittel

Artgerecht. Ich weiss, wie viele von Euch kann ich diesen Begriff eigentlich kaum mehr hören. Und dennoch bietet er eine hilfreiche Semantik, denn er drückt aus, um was es geht: Das Leben der Tiere. Nicht allein ihr Tod – ihr Leben! Klar kann die Werbung den Begriff vereinnahmen und mit Kokolores füllen. Macht sie ja auch fleissig. Ich glaube aber, dass die Diskussion, was artgerecht bedeutet, schon stark in unseren gesellschaftlichen Gesprächen losgetreten worden ist. Der Begriff „artgerecht“ wartet auf bedeutungsvolle Füllung und regt gleichzeitig zur Reflexion an.

Vielen geht es beim Thema Fleisch nicht mehr allein um Umwelt und ihre Gesundheit. Sie wollen auch, dass es den Tieren besser geht. In der wissenschaftlich begründeten Tierethik nennt man das den „Fairen Deal“: Das Schnitzel auf dem Grill wird mit einem besseren oder guten Gewissen verspiesen, wenn es das Tier zu Lebzeiten irgendwie „gut“ oder zumindest besser hatte als seine Leidensgenossen.

Und wie erkennen wir das? „Artgerecht“, „Natürlich“, „Tierwohlfördernd“: Zu oft durften werbegeplagte Verbraucher:innen spüren, dass Begriffe nicht immer das bedeuten, wozu sie mal auf die Welt kamen. Nein, es braucht Inhalte und Taten hinter den Worten. Und damit geht es um mehr als einen „fairen Deal“: Wir müssen eine neue Lust an den Ursprungsgeschichten entwickeln, wirklich wissen wollen, wo etwas herkommt, unter welchen Bedingungen es entstanden ist. 

Diese neue Lust könnte auch dazu führen, dass Verbraucher:innen spüren, wie viel sie jeden Tag selbst beeinflussen können. In großen, oder in kleinen Schritten. Vollkommen egal, Hauptsache nicht resignieren oder wegschauen.

Dies könnte in einen Markt münden, der das eine tut (Konsum von Produkten aus tierischen Erzeugnissen) – ohne das andere zu lassen (Verbesserung der Haltungs- und Lebensbedingungen der Tiere).

weidefunk

Zurück auf Anfang: Ja, ich habe gut 25 Jahre kein Fleisch und viele Jahre keine Milchprodukte gegessen. Das war meine erste Antwort auf das, was nicht sein darf. Nun möchte ich neben dieser einen möglichen Antwort eine zweite hinzustellen, und schauen, wie es andere sehen:

Was, wenn wir nicht mit Extremen, sondern mit einem Mittelweg am schnellsten (!) etwas verbessern könnten? Einen Mittelweg, der diejenigen unterstützt, die die derzeitig noch herrschende massenhafte Lust am Fleisch befriedigen, aber dabei den Tieren ein spürbar besseres Leben bieten? Verbraucher:innen, die heute noch Bequemlichkeit und Preis vor Tierwohl stellen, einen motivierenden Weg anbieten, es doch dann und wann anders zu machen, Fleischprodukte aus artgerechten Quellen zu konsumieren? Und sei es nur bei jedem 2. oder 5. Einkauf. 

Ein bedingungsloses „Nein!“ zur industrialisierten Massentierhaltung. Ein „Ja“ zum Verzicht auf Fleisch. Aber eben auch ein „Ja“ für alle diejenigen Anbieter:innen von Fleisch, Milch & Co., die erkannt haben, dass die Welt derzeit Fleisch haben will. Und die alles dran setzen, diese Produkte zu bieten. Aber unter Bedingungen, die sich mehr und mehr dem annähern, was wir irgendwann einmal hoffentlich alle wie selbstverständlich unter „artgerecht“ verstehen werden. weidefunk ist ein aus diesem Gedanken geborenes Projekt.  Nichts wird besser, wenn wir es schlecht reden. Es wird besser, wenn wir den Blick konsequent auf das Gute richten und dies aktiv fördern.

Vom bewussten (Fleisch-) Konsum bis hin zum Verzicht – welches ist Deine persönliche Geschichte?

  • Welche Gedanken begleiten Dich, wenn Du Dich fragst, was geschehen muss damit Verbesserungen in der Nutztierhaltung eintreten?
  • Welche alltäglichen Dinge hast Du verändert?
  • Was hast Du früher anders gesehen als heute?