Von Hühnern, die noch Regenschirme kennenlernten. Oder warum ich es als Freiheit empfinde, wenn wir uns und anderen Gutes tun.

Hamburger Umland: Viel Bus fahren und ländliches Glück 

Hi, mein Name ist Sarah Thiel. Ich bin vor einigen Jahren als Studentin nach Münster in Westfalen gekommen, aber ursprünglich bin ich im Norden aufgewachsen. Genauer gesagt: in Hamburg geboren und, wie es viele junge Eltern machen, nach 20 Monaten als Hamburgerin ins östliche Umland von Hamburg gezogen. Dort durfte ich 204 Monate (oder 17 Jahre und 7 Monate) gedeihen.

Wir wohnten in einer Kleinstadt mit ländlichem Umfeld. Als es dann an das Thema weiterführende Schule ging, kam das Elternhaus auf die geniale Idee, das Kind in die 17 km entfernte Nachbarstadt zur Schule zu schicken. Zur Begründung: Es war eine zu der Zeit neue und heiß begehrte Gesamtschule! Na dann …

Nun, rückblickend war die Schule genau das richtige für mich. Obwohl ich bei jedem Wetter und zu jeder Zeit mit dem Bus über die Dörfer tuckern durfte bis ich nach ca. 30 – 50 Minuten, je nach Bus und Verkehr, in der Schule ankam. Oder auch nicht. Manchmal kamen wir bei der falschen Schule an, aber immerhin am richtigen Ort und durften den Rest des Weges dann zu Fuß gehen. Herrlich! Aber so bin ich recht ländlich aufgewachsen und freundete mich mit der örtlichen Dorfgemeinschaft an.

Meine fleischliche Beziehung: Huhn von Opa war Favorit

Meine Familie kaufte schon zu der Zeit stets bei örtlichen Hofläden ein. Es war und ist immer noch normal für mich, wenn ich zu Hause zu Besuch bin, dass wir von dort unser Gemüse und unsere Eier holen. Damals aß ich auch noch ganz gerne Fleisch, dies holte meine Mutter vom ortseigenen Metzger. Bis auf Hühnchen. Das gab’s von meinem Opa. Der war nämlich Hühnerzüchter und schlachtete selbst. Hühner und auch mal Kaninchen. Als ich davon erfuhr, ich war ca. 10 Jahre alt, war es schlimm für mich! Kaninchen? Das waren doch eher Kuscheltiere, kein Essen?! Konnte man die überhaupt essen? 

Meine Mutter und meine Tante lernten schon früh, wie man ein geschlachtetes Tier ausnahm und erzählten stolz, wie sie alle inneren Organe aus dem FF erkennen. Aber das war mal so gar nichts für mich. Auch wenn ich jetzt darüber nachdenke, dass es vielleicht doch gut gewesen wäre zu lernen, wo das Fleisch herkommt. Dass es für mich normal gewesen wäre zu wissen, wie das Hühnchen auf meinem Teller landet, dass ich sorgsamer damit umgehe und das Tischgebet dankbar an ein Lebewesen richte, das dafür gestorben war, mich zu ernähren. Diese Gedanken aber kamen erst viel später. 

Der Blick in die Augen: Mit Schweinen fing es an

In der 9. Klasse stand dann ein Schulpraktikum in einem Betrieb an. Dies machte ich in einem der kleineren Nachbardörfer in einer Tierarztpraxis für Klein- und Großtiere. Schon mit 11 Jahren keimte in mir der Wunsch, Tierärztin zu werden. Passte also alles prima. Hochmotiviert startete ich, und das Praktikum war auch super. 

Doch es kam, wie es kommen musste. Nach einem Besuch in einem klassischen Betrieb für Schweinemast war für mich klar: Ich esse kein Schwein mehr. Diese künstlich-warmen Temperaturen zusammen mit dem unsäglichen Gestank und vor allem: Diese hochintelligenten Augen, die mich anstarrten. Im Grunde genommen ein klassischer Augenöffner: Sobald Du live mit etwas in Berührung kommst, dass Du so nie für möglich gehalten hast, macht es was mit Dir, besonders wenn es um Gerüche geht. Die kann man niemandem beschreiben.  

Bei mir löste es partiellen Vegetarismus aus. Besser gesagt: Zuerst wurde Schwein vom Teller gestrichen. Dann, in einem Familienurlaub – wir hatten endlich einen Laden gefunden, wo es um Mitternacht noch etwas Essbares gab – eine Dönerbude. Es gab nur noch Kalb. Kalb = Babykuh? Die perfekte Trotzreaktion eines pubertierenden Teenagers folgte auf dem Fuß: „Das esse ich auf keinen Fall!“ Rind und Kalb waren von dann an ebenso vom Speiseplan gestrichen. Bis in der Oberstufe aß ich dann nur noch Huhn und Pute. Von denen konnte ich echt nicht lassen. 

Opas Hühner adé: Blieben Fische aus azurfarbenden Gewässer

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, woher ich diese Auswahl nahm. Huhn, na klar, dass kam nach wie vor von Opa, und damit aus guter Quelle und außerdem fand ich Hühner seltsam. Obwohl es tolle Tiere sind… muss ich ja zugeben. Die Hühner von meinem Opa zum Beispiel waren echte Sportskanonen. Bei einem der zahlreichen Besuche bei den Großeltern waren wir mal wieder im Kleingarten meines Opas. Das Wetter war nordisch by nature: Grau in Grau. Es fing an zu regnen. Meine Mutter zückte den mitgebrachten Regenschirm und spannte ihn. Opas tolle, gefiederten Zuchttiere nahmen das zum Anlass, über den Graben in einen Park zu flattern. Das alles mit viel Geschrei – sowohl seitens der Hühner als auch meines hinterher springenden Opas. Ich fand das sehr amüsant und diese Geschichte ist heute noch ein Familienlacher bei vielen Anläsen. Aber ich wandelte eben auch meinen Blick auf Huhn als Lebensmittel.  

Nach der Pubertät folgte die Uni und da aß ich dann so gut wie gar kein Fleisch mehr. Nicht mal von Opa. Dazu muss ich auf eine biologische Natur des Menschen hinweisen: das Alter. Mit zunehmendem Alter meines Opas wurde der Hühnerbestand kleiner und das Fleisch für die Familie weniger. Außerdem schmeckte mir Fleisch zu dem Zeitpunkt schlicht nicht mehr. Es gab eine einzige Wurst, die ich noch mochte und auf die ich nicht verzichten wollte. Herkunftsquelle der Wurst: Unbekannt! Nach den ersten Monaten als Studentin hatte ich mich dann aber doch dazu entschieden, auch auf diese zu verzichten. So wurde ich dann Vegetarierin. Eigentlich Pescetarierin, Fisch aß und esse ich noch. Dass es nach wie vor schwer ist, bei diesen wirklich zu überblicken, woher sie kommen – Aquakultur oder aus azurfarbenden Gewässern – nervt mich sehr. Aber ich bemühe ich stets darum, die Ursprungsquelle zu berücksichtigen. 

Gedanken um unser Essen machen: Keine Frage des Hipster-Daseins 

Nach einigen Jahren im Studium kam ich auf den Gedanken: Tierische Erzeugnisse sind ja nicht nur Fleisch. Also wurden Gelatine und größtenteils Honig von der Speisekarte gestrichen. Ich habe es auch ein paar Monate vegan versucht. Da ich aber kein Fan von veganem Joghurt werden konnte, fiel das weg. Mich ließ die Frage nach dem Ursprung unserer Lebensmittel aber nie wieder los. Ich glaube, ich kann gar nicht anders, als immer wieder zu hinterfragen und auszuloten: Was tut mir gut? Und was tue ich vielleicht Anderen an, wenn ich etwas konsumiere? 

Ich war von einiger Zeit mit meiner Familie im Schanzenviertel in Hamburg unterwegs. Wir waren was trinken. Gerne hätte ich einen Milchkaffe getrunken, in Ermangelung anderer Milch als unbekannter 0815-Milch wurde es dann eine heiße Zitrone. Ich warf die Frage in den Raum: „Warum können sie hier nicht einfach Milch aus Getreide anbieten statt oder zusätzlich zu normaler Milch?“ Meine jüngere Schwester dann: „Warum? Der Laden ist nicht hip genug dafür.“ Ich wiederrum: „Warum nicht? Warum muss ein Laden hip sein, um solche Milch anzubieten? Warum kann es nicht einfach normal sein, andere Milch im Angebot zu haben?“ 

Man merkt es deutlich: In den letzten Jahren ist es schon irgendwie hip geworden darauf zu achten, wo das Essen herkommt. Nicht nur Fleisch, auch andere tierische Erzeugnisse wie z.B. Milch werden hinsichtlich ihrer Ursprungsgeschichte hinterfragt. Das ist wünschenswert, da eine Vielzahl von Menschen beim Konsum tierischer Lebensmittel bleiben werden. Und ganz ehrlich: Wir leben zum Glück in einer Welt, wo wir uns frei dazu entscheiden können, wie wir unser Leben gestalten möchten. Dazu gehört auch unsere Ernährung. 

Auch ein Treibstoff: Familiär verankerter Klimaschutz 

Was ich ganz vergessen hatte zu erwähnen: Meine Mutter ist Klimaforscherin. Ich bin mit Fragen zum Klimaschutz quasi aufgewachsen. Und es ist schlicht fantastisch, dass durch Fridays für Future nun endlich diese Fragen auch in der breiteren Masse – vor allem den jungen Menschen – ankommen. Wir alle haben an so vielen Fronten gleichzeitig zu arbeiten. Doch ist es immer unangenehm, was Gutes zu tun? 

Ich fahre fast jede Strecke mit dem Drahtesel, den Rest mit dem Bus, ich „shoppe“ einen großen Teil meiner Klamotten in den aussortierten Sachen meiner Schwester, fliege so gut wie gar nicht, fahre Bahn und probiere demnächst mal selbstgemachte Shampoo aus Roggenmehl aus. Und: das alles bringt mir Freude! Meine Ernährung, meine Fortbewegung, meine Kleidung – das Nachdenken, wie ich diese Lebensbereiche selbst gestalte, bedeutet keine Last für mich. Es bedeutet Freiheit, mein Leben so zu gestalten, wie ich es eben nicht nur für mich, sondern auch für meine Umwelt vertretbar und angenehm finde. Der Konsum von Fleisch oder in meinem Fall von anderen tierischen Erzeugnissen aus nachhaltigen Quellen, ist sowohl tiergerecht als auch klimafreundlich. Ich habe meine Nische gefunden! Und deshalb bin ich auch weidefunkerin geworden. 

Nach mittlerweile fünf gestorbenen Rädern in 7 Jahren fahre ich nun Kutsche, eher Sulky. Natürlich nicht nur, aber es entschleunigt. Sowohl mich als auch den Verkehr.

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