„Fleisch für Vegetarier“: Die Gründungsgeschichte einer Nutztier-Arche.

Hinter dem Fleischessen 

Ich brauchte lange, um zu begreifen, weswegen ich damals das Fleischessen quittierte. Heute weiss ich: es war nicht, weil ich Fleischessen als unnatürlich empfand. Es waren die barbarischen Bilder, die ich erst aus Distanz über die Medien, dann live in Ställen, Schlachthäusern und Transporten gesehen habe. 

Heute esse ich wieder Fleisch. Doch unabdingbar mit diesem persönlichen Wandel verknüpft war die Einsicht, dass Fleischessen nicht gleich Fleischessen ist. Was zählt, ist die Lebensgeschichte, die dahintersteckt. Erst, wenn Du bereit bist, hinzuschauen – zur Haltung, der Aufzucht, dem Tod dieses Tieres – bist Du im Bilde, was Fleischessen bedeutet. Und hier muss jeder für sich entscheiden, welche Lebensgeschichte er oder sie unterstützen möchte. Oder den Tod des Tieres nicht erträgt, und damit aber bitte auch den Fleischkonsum einstellt. 

Und manche gehen noch mal einen bedeutenden Schritt weiter, als „nur“ hinzuschauen. Sie machen es selbst. Solche Menschen besuchten Jeanette, Juliane, Lioba und ich am vergangenen Samstag. 

Fleisch-Wendepunkt

„Nie wieder Fleisch!“ 

Thorsten Sonntag

Thorsten Sonntag war damals Mitte 40, als er das Fleischessen drangeben wollte: „Eine Reportage über die Fleischindustrie!“ erzählt Thorsten mir. „Was die da gezeigt haben, ging für mich einfach nicht. ‚Nie wieder Fleisch!‘ sagte ich mir.“ Doch seine Frau Diana legte ein Veto ein; und so musste ein Kompromiss gefunden werden. 

Ihren „Kompromiss“ bauten Thorsten und Diana in Form einer Nutztier-Arche auf: Dies ist nicht zu verwechseln mit einem Lebens- oder Archehof. Auf einem Lebenshof werden Tiere aufgenommen, häufig aus aus der Nutztierhaltung, die hier ihren Lebensabend verbringen sollen. Für Arche Höfe wiederum gelten strenge Richtlinien, zentral ist die landwirtschaftliche Aufzucht und Haltung von Nutztierrassen, die vom Aussterben bedroht sind. Als Nutztier-Arche bezeichnet man Höfe oder Züchter, die mindestens eine alte und gefährdete Nutztierrasse züchten. 

Thorsten und Diana entschieden sich für eine solche Nutztier-Arche, um die Tiere für den eigenen Fleischbedarf zu zu halten und zu schlachten.

Die Eigenversorger aus Hamm

Bei Thorsten und Diana fing es mit 3 Schweinen an. Es sollte alles stimmen, von Anfang bis Ende: ein gutes Tierleben von natürlich-gesunden, erhaltenswürdigen Rassen: Rotbunte Husumer SattelschweineDexter Rinder sowie Esel und Hühner zogen nach und nach auf dem Hof ein. 

„Am Anfang sind wir belächelt worden: Die Bekloppten mit den Schweinen im Garten und den behornten Rindern!“ 

Thorsten Sonntag

Es ist das Eine, etwas Gutes tun zu wollen. Aber etwas Anderes, es umzusetzen. Die meisten von uns sind verwöhnt im Einkaufsverhalten: Du kriegst alles überall, erst recht Fleisch. 

Aus diesem vermeintlichen Verwöhnprogramm auszusteigen und zu sagen: „Wenn Fleisch, dann nur aus Eigenproduktion“, ist stark. Thorsten und Diana zielten auf genau diese Form der Eigenversorgung. Als absolute Neueinsteiger in die Landwirtschaft! 

„Zu Anfang wussten wir nichts!“ lacht Thorsten. Er war Zeit seines Lebens im Automobilvertrieb tätig. Nächstes Jahr möchte er zu 100% für seinen Hof da sein, genauso wie es seine Frau heute bereits ist. Mittlerweile sind die Sonntags auch in der nachbarschaftlichen Landwirtschaft voll anerkannt. Auch als erfolgreiche Vermarkter ihres Fleisches.  

Für das „Jenke Experiment“ bewusst diesen Hof gewählt 

„Ich habe Fleisch für Vegetarier.“

Thorsten Sonntag

Was als reine Eigenversorgung startete, hat viele Fans gewonnen. Zudem haben die Sonntags mittlerweile nicht wenige Menschen in ihrem Kundenstamm, die sich ehedem dem Vegetarismus verschrieben hatten. Nach einem Besuch auf diesem Hof jedoch einen Sinneswandel durchlebten, der den Fokus verschob: weg von „Fleisch ist grundlegend schlecht“ hin zu „die Herkunft der Tiere ist entscheidend!“ 

„Ich habe Fleisch für Vegetarier!“ amüsiert sich Thorsten, nicht ganz ohne Stolz. Zu Recht. 

Bei unserem Besuch bei den Beiden haben wir verstanden, warum man sich damals beim „Jenke-Experiment“ für diesen Hof entschieden hat. Bei diesem Format mit Jenke von Wilmsdorff ging es darum, dass Jenke für 4 Woche auf dem Hof der Sonntags einzog und mit den beiden Schweinen Elsa und Schmali lebte. 

Es ist eines der wünschenswert aufkommenden Formate, die den Menschen vor Augen führen wollen, dass hinter einem Schnitzel tatsächlich Leben – und damit Tod – steckt. Auch VOX startete mit „Gewissensbisse“ vor kurzem ein solches Experiment. 

Thorsten und Diana leben eng mit ihren Tieren, und selbst eine konsequente Haltung. Egal ob Fleisch oder Wurst – gegessen wird nur das, was selbst produziert wurde. Das kommt bei den Menschen authentisch an. 

Der Tod lebt mit

Von vornherein war Thorsten und Diana bewusst, dass diese Tiere zum Verzehr gedacht sind.

Insofern war es konsequent, dass das erste was wir sehen, als wir auf dem Hof ankommen, zwei Husumer Schweine sind, die auf dem Transport im Stroh stehen und Kartoffeln mampfen. Eine Art „Prä-Schlachttraining“, wenn man so möchte. 

„Zwei Tage wohnen die Schweine da drin, dann kommen sie wieder zu den Anderen. Es ist wichtig, dass, wenn der Tag X gekommen ist, die Schweine den Hänger, das Verladen usw. ohne Stress oder Angst wahrnehmen.“ Die Schweine werden ca. 13 Monate alt, bis sie zum nahegelegenen Metzger gebracht werden von Thorsten. Die Rinder erleben 2 Geburtstage, hier möchten die Sonntags über kurz oder lang auf die Mobilschlachtung setzen. 

Der Tod der Tiere gehört für Diana und Thorsten genauso dazu, wie das gute Leben, das sie den Tieren bieten. „Bei den Rindern fällt es mir schon schwerer als bei den Schweinen“ gibt Thorsten zu. Auch dürfen einige Tiere ihren Lebensabend auf dem Hof verbringen, wie bspw. die hausälteste Dame Stine:  

Denkfutter

Der Besuch dieses Hofes gab mir im Nachgang einiges zu denken mit: Zwei ganz normale Menschen, null mit der Landwirtschaft verbunden, lassen sich durch ein einschneidendes Ereignis zu einem Lebenswandel hinreißen, der wiederrum Einfluss hat auf viele andere Leben. 

Thorsten und Diana haben sich entschieden, eine Verantwortung zu übernehmen, die gewiss nicht von jedem von uns so einfach ebenso übernommen werden kann. Aber das Mindeste, was wir alle an dieser Stelle tun können, ist, darüber nachzudenken, wie weit wir persönlich gehen können und wollen, um am Status Quo der Fleischindustrie etwas zu verändern. Denn es bleibt dabei: wir VerbraucherInnen sitzen am stärksten Hebel, direkt auf das Tierwohl einzuwirken und einzuzahlen. 

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