Bauer sucht Dialog. Heute: Initiativen & Kampagnen, die aufklären wollen.

Die Landwirtschaft und ihr Ruf

Die Landwirtschaft kämpft um ihren Ruf. Tierquälerei, Antibiotika in der Aufzucht, Pestizide im Grundwasser, geschredderte männliche Küken, genmanipulierte Nahrungsmittel – die Liste der Vorwürfe an die Landwirtschaft ist lang. Kläger gibt es genug. Und was ist mit den Angeklagten?

DIE Landwirtschaft ist ein Riesenkollektiv. Mit unzähligen Menschen und ihren individuellen Hintergründen, Institutionen, Organisationen, Verbänden und Verbünden. DIE Landwirtschaft in Summe anzuklagen, könnte einem Ruf nach dem sprichwörtlichen Bauernopfer gleichkommen: Hauptsache wir haben einen Schuldigen. Der Rest wird sich schon in Wohlgefallen wieder auflösen.

Dass dies nach den letzten größeren Skandalwellen vielleicht nicht so ist, dafür stehen die Chancen gut. Denn zu keiner Zeit haben sich so viele unterschiedliche Stimmen aus der Landwirtschaft gemeldet, um Position zu beziehen. Über Dr. Willi Kremer-Schillings alias „Bauer Willi“ haben wir bereits berichtet. Dieser wendet sich in häufig emotionaler Schreibe an Landwirtschaftskolleg:innen und Verbraucher:innen gleichermaßen und stupst diese auf seine charakteristische Weise zum Dialog an.

Differenzierter hinhören

Heute wollen wir uns eine andere Art von landwirtschaftlicher Stimme anschauen. Wie Catherine Boss es so schön schreibt: „Köpfe einschlagen bringt nichts“. Die Schweizer Autorin konstatiert auf der einen Seite: „Man stelle sich vor, jedes Jahr würden über 600 Pflegerinnen und Pfleger verurteilt, weil sie Patienten in Spitälern oder Altersheimen vernachlässigt hätten. Würde man da verlangen, dass darüber nicht geschrieben wird, weil man damit die ganze Branche der Pflegenden verunglimpfen würde? (…) Die Bauernbranche muss sich gefallen lassen, dass man über die gravierenden Vorfälle berichtet und Klartext spricht.“

Auf der anderen Seite wägt Boss ab: „Die Bauern verrichten für die Gesellschaft eine wichtige Arbeit. Die überwiegende Mehrheit arbeitet extrem hart, um uns (…) Produkte zu liefern, die wir nicht missen möchten. Sich gegenseitig zu bekämpfen, bringt nichts. Es braucht einen offenen, problembewussten Blick auf die Landwirtschaft, vor allem auf die Tierhaltung.“ Genauso ist es, also schauen wir uns den Dialog-Aufschlag einmal an. Dabei sind:

  • Das Forum Moderne Landwirtschaft
  • Der Verein „Tierhaltung – modern und transparent e.V.“
  • Die Imagekampagne „Echt grün – Eure Landwirte“

Forum Moderne Landwirtschaft – Das Werben für Verständnis

Für „VERSTÄNDNIS UND AKZEPTANZ FÜR MODERNE LANDWIRTSCHAFT“ setzt sich das Forum Moderne Landwirtschaft ein. In diesem Netzwerk haben sich Verbände, Organisationen und Unternehmen der Landwirtschaft zusammengeschlossen, um den Dialog zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft anzukurbeln. 

Forum Moderne Landwirtschaft: Der Film zur Mission

Versprochen werden authentische, verbrauchernahe Einblicke in die landwirtschaftliche Praxis. Offiziell vertreten wird das Forum moderne-landwirtschaft.de durch das Forum Moderne Landwirtschaft e.V., hier durch Joachim Rukwied, Präsident des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg sowie Präsident des Deutschen Bauernverbandes (Quelle: Wikipedia); Hubertus Paeto, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft e.V. sowie Franz-Josef Holzenkamp, Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes.

Moderne Landwirtschaft heißt…

Moderne Landwirtschaft wird von Seiten des Forums verstanden als Treiber einer Entwicklung nachhaltiger Verfahren. Im Detail:

  • Sie arbeite wirtschaftlich und ist sich ihrer Verantwortung für die Gesellschaft, die Tiere und den Naturhaushalt bewusst.
  • Sie löst die Ernährungsfragen unserer Gesellschaft. Ihre Persönlichkeiten, d.h. Landwirte, aber auch Akteure in den vor- und nachgelagerten Bereichen, nutzen unser aller Wissen und kombinieren es mit ihrer Expertise und ihrem Ideenreichtum.
  • So verbessern sie stetig und unter Einsatz innovativer Technologien das landwirtschaftliche System.
  • Moderne Landwirtschaft geht auf sich ändernde gesellschaftliche Anforderungen ein.
  • Sie ist offen für den Dialog. Ihre Vielfältigkeit und ihre Fortschrittlichkeit machen sie so faszinierend.

Gut ist…

Das Forum beliefert den geneigten Leser mit allerlei Themen aus der Landwirtschaft. Es ist sehr modern aufgemacht und das Themenspektrum ist breit.

Ausbaufähig ist…

Was in dem Forum ein wenig kurz kommt (also ehrlich gesagt gar nicht auffindbar war), ist eine Beschäftigung mit artgerechter Tierhaltung. Auch Ansätze eines Dialogs zwischen den Forum-Verteter:innen und Verbraucher:innen – immerhin als eines der Kernziele ausgerufen – sind nicht wirklich auffindbar.

Verein „Tierhaltung – modern und transparent e.V.“ – Junge Landwirte klären auf

Der Verein „Tierhaltung – modern und transparent e.V.“ artikuliert das Tierwohl in seinem Verbandsnamen und weckt damit Erwartungen. Angenehm irritiert kommt dann zusätzlich noch die URL des Vereins daher: Unter www.massentierhaltung-aufgedeckt.de findet Ihr die Site.

„Tierhaltung – modern und transparent e.V.“ ist ein Zusammenschluss aus Landwirtschaftsstudent:innen der Hochschule Osnabrück. Sie kommen alle selbst aus der Landwirtschaft, sind mit täglicher Tierhaltung aufgewachsen. Nun wollen sie gemeinsam dem mangelnden Bezug des durchschnittlichen Verbrauchers zur Landwirtschaft entgegenzuwirken und alle notwendigen Informationen zur Massentierhaltung „attraktiv vermitteln“.

„Wir zeigen Ihnen realistische Bilder aus den Ställen“

Diesen Satz kennen wir eher von Tierrechts- und Tierschutzorgansiationen, liest man aber direkt auf der Startseite des Vereins. Klare Ansage. Ich habe mich daher mal auf die Suche nach diesen Einblicken gemacht. Gefunden habe ich aber insbesondere (verteidigende) Stellungnahmen zu Skandalen (und Skandälchen) aus der Landwirtschaft:

Gut ist…

Die Idee, dass junge Landwirt:innen sich für mehr Transparenz engagieren, ist eine tolle Idee. Insbesondere den direkten, ungeschönten Einblick in Ställe zu zeigen, dazu aber eben Stellung zu nehmen, ist ein guter Ansatz. Aber:

Ausbaufähig ist…

Ja, der Ansatz ist ein richtig guter. Leider wird in diesem Forum die Kernmission vermisst: Nämlich Einblicke zu liefern, Dialoge zu führen um Menschen gezielt zu involvieren. Stattdessen dominieren nach unserer Sichtung eher (verteidigende) Stellungnahmen zu Skandalen (und Skandälchen) aus der Landwirtschaft.

Der Zweck des Vereins wird mit den Worten beschrieben: „(…) die Öffentlichkeit sachlich und fachlich korrekt über die deutsche Nutztierhaltung zu informieren. Produktionsschritte sollen allgemeinverständlich erklärt und Verbraucher:innen              sollen in diesem Zusammenhang über die Herkunft tierischer Lebensmittel beraten werden.“ Es wäre wünschenswert, wenn genau diese Kompetenz der jungen Landwirt:innen ausgespielt würde und diese damit realistisch zeigen könnten, was gut läuft, was noch nicht so gut läuft und wo eben auch Optimierungspotenzial zu finden ist. Reflektiert, ausgewogen und damit glaubwürdig.

Imagekampagne „Echt grün – Eure Landwirte“ – Ohne uns werden Sie nicht satt!

Die Imagekampagne „Echt grün – Eure Landwirte“ aus der Weser-Ems-Region wird von acht niedersächsischen Landvolk-Kreisverbänden mit 28.000 Mitgliedern getragen. Als zugehöriger Dachverband zeichnet „Landvolk“ verantwortlich. Die Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, bei den Menschen ein gründlicheres Verständnis einer modernen und tierfreundlichen Landwirtschaft zu schaffen:

„Wir wollen vermitteln, dass wir Landwirte jeden Tag dafür sorgen, dass die Verbraucher mit gesunden und wertvollen Lebensmitteln versorgt werden. Darauf sind wir stolz, denn gemeinsam leisten wir eine wertvolle Arbeit für unsere Gesellschaft.“ so Hubertus Berges, Vorsitzender des Landvolks im Kreis Cloppenburg und einer der führenden Köpfe hinter der Kampagne. Die Kampagne strebt nach eigenen Worten konstruktive und leidenschaftliche Diskussionen an, will direkt mit dem Verbraucher und der Verbraucher ins Gespräch kommen und so raus aus der Schmuddelecke, in die sich die Landwirtschaft durch Medien und Tierrechtsorganisationen gedrängt sieht.

Präsenz zeigen auf Veranstaltungen und Hochglanzplakaten

© Echt grün Kampagnenplakat

Die Vertreter der Kampagne zeigen sich auf ihrem Internetauftritt mit vielen aktuellen Beiträgen. Zudem zeigen sie aktiv Flagge auf Veranstaltungen („Internationale grüne Woche“ / „Deutschen Bauerntag 2016„), in Radiospots, Plakaten und begeben sich unters Volk. Mit professionellen Medien soll gezeigt werden, was Landwirt:innen von heute wichtig ist. Wie hier mit dem offiziellen Imagefilm:

Oder auch einem Erklärvideo:

© Echt grün Kampagne / YouTube

Gut ist …

Die Imagekampagne ist durch die Organisation auf Basis der Kreisverbände bodenständig organisiert und kann viele Landwirt:innen mobilisieren bei Aktionen. Für den Verbraucher und die Verbraucherin sollen Einblicke in die landwirtschaftlichen Höfe und bäuerlichen Familien gegeben werden. Dazu scheut man keine Aufwendungen in der professionellen Medienarbeit.

Erfreulich ist auch die Integration des eigenen Blogs „Denk mal drüber nach„.

Ausbaufähig ist …

Ich habe ein wenig den Eindruck, dass die Kampagne schon fast zu professionell ist. Heißt im Klartext:

©-Echt-Grün-Verantwortung-fuer-Tiere
©-Echt-Grün-Verantwortung-fuer-Tiere

In der Gesellschaft herrscht eine latent kritische Stimmung im Hinblick auf „die“ Landwirtschaft. Plakate wie das obige behaupten erst einmal das Gegenteil. Erfahrungsgemäß trifft eine solche Strategie nicht ins Schwarze: Wenn sich bereits eine Meinung oder auch Stimmung durchgesetzt hat, dann lässt sich diese nicht wegwischen durch Behaupten des Gegenteils.

Wünschenswert wäre es hier, wenn die Initiatoren weniger Image und mehr Realität und Dialog bieten würden. Beispiel eins: Zu wenig wird derzeit noch auf wichtige Hintergründe und Fakten, aber auch persönliche Einblicke und Statements eingegangen. Unter dem Link „Tierhaltung“ finden sich lediglich ein paar Ausführungen zur Geflügelhaltung.

Beispiel zwei: Die Blogbeiträge sind thematisch nicht gruppiert, so dass das Suchen nach bestimmten Themen schwer fällt. Vor allem aber sind die Beiträge nicht personalisiert. Für eine Kampagne, die den persönlichen Dialog verspricht, ist diese Vorgehen überdankenswert. Und es fällt auch hier ein tendenziell verteidigender Sprachstil auf.

Ausblick

Der Aufschlag von Seiten der Landwirtschaft ist da, erste Stimmen erheben sich. Allerdings fehlt bei den hier angeschauten Initiativen noch ein Stück mehr Mut zur Transparenz und Persönlichkeit. Ich denke, dass die Landwirt:innen selbst nach vorne müssen, sich äußern und offen diskutieren sollten. Der Umschwung hin zu einer ausgewogenen Diskussion zwischen Verbraucher:innen und Landwirt:innen sollte nicht Verbänden und anderen größeren Institutionen überlassen werden. Hier sucht man zu stark die einhellige Meinung, möchte nicht zu stark anecken, korrekt bleiben. Die Zeit von Schönrednerei sollte aber der Vergangenheit angehören. Fakten, Meinungen, wirkliche Einblicke – das sind Entwicklungen, die die Landwirtschaft näher an die Gesellschaft zurückbringen wird. Keine Hocglanzplakate.

Welche Worte kommen bei Dir an?

Wie nimmst Du das Sprechen der Landwirtschaft wahr? Welche guten Beispiele kennst Du, bei denen Vertreter der Landwirtschaft besonders glaubwürdig, selbstbewusst und offen ihre Meinung vertreten? Welche Beispiele gefallen Dir weniger und Du würdest Vorschläge zur Verbesserung machen wollen?
Schreib uns: redaktion@weidefunk.de

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