Die Bio- & Nachhaltigkeitsrevolution ist gescheitert? Bullshit – sie gehört nur in die richtigen Hände!

So kann ein schöner Morgen versaut werden 

Heute morgen war es wieder soweit. Wieder war einer dieser Artikel in den Tageszeitungen, wegen derer meine Knirschschiene nachts versagt. Dieses Mal: „Die deutsche Bio-Revolution ist abgesagt“. Verfasst von Redakteur und Autor der WELT, Nando Sommerfeld

Sein Aufschlag ist erst einmal plausibel und hochaktuell: „Auch dem größten Discounter (Lidl, Anm. d. A.) des Landes ist es nicht gelungen, die Deutschen davon zu überzeugen, dass Fleisch mehr wert ist, als sie dafür bereit sind zu zahlen. Die Konsumenten haben abgestimmt und ihr Schweine-, Hähnchen- oder Rindfleisch bei der Konkurrenz gekauft, nachdem Lidl den Preis auf ein vorgeblich faireres Niveau angehoben hatte.“

Er schlussfolgert: „Lidl ist gescheitert“. Ja, auch da würde ich mitgehen. Denn: „Lidl wollte die Verbraucher dazu bewegen, mehr für Fleisch zu bezahlen. Doch der Versuch ging schief.“ Und dann geht es auch schon los in die über alles geliebte Allzweck-Argumentationswaffe aus Politik und (Werbe-) Industrie:

„Fleisch zu teuer!“

„Fleisch ist ein Grundnahrungsmittel für weite Teile der Bevölkerung. Und die mögen es nicht, wenn dort spürbar an der Preisschraube gedreht wird. Wir dürfen uns nicht länger etwas vormachen. (…) Den Wandel hin zu mehr Einfluss des moralischen und ökologischen Verbrauchers gibt es nicht.“

Der hoch gelobte Preis! Er hopst auf den Tisch, und schon ist mit einem Schlag die Diskussion, ob es überhaupt „teureres“ Fleisch geben sollte – sprich ob es marktwirtschaftlich realistisch wäre – vom Tisch! Der Verbraucher will ja schließlich nicht mehr bezahlen, sieht man doch! 

Preise? Die hat uns ein ungünstiger Lehrer beigebracht 

Faktisch sieht es aber so aus: Für den Großteil der Bevölkerung ist jedes Fleisch zu teuer, das TEURER ist als der Durchschnittspreis für Fleisch. Und wo finden wir den? Ja, im finanziellen Keller. 

Einer der Gründe: Unsere „Preiserziehung“: Wir werden ununterbrochen auf „günstig“ und „billig“ gedrillt. Überall. Auch und besonders bei Fleisch und Milch. Und von wem? Von der Industrie und der Werbung. Ganz ehrlich – didaktisch betrachtet ist das der Humboldschte Super-GAU.

Um das noch einmal klar zu sagen: Wir lassen uns seit Jahren Fleisch- und Milchpreise von der Industrie beibringen und plappern wie die Blöden nach: „Nö, teurer kann ich mir nicht leisten.“ Ohne zu wissen, was „teuer“ eigentlich in Bezug auf Fleisch und Milch bedeutet! Oder wer kennt sich hier mit der Wertschöpfungskette aus? 

Ich erspare Euch jetzt alle Vergleiche mit Smartphones, Zigaretten oder Wein … klar, auch alles viel zu teuer. 

In aller Kürze verhält es sich so: Wenn wir keine besseren Argumente bringen, dominiert der Preis.

Hundertmal Tierwohl berührt, hundertmal nichts passiert

Und jetzt erinnern wir uns alle mal schön an den letzten Supermarktbesuch und hier an das Kühlregal: Na, da geht doch das Herz auf bei so vielen Produkten, die alle grün, gelb, rosa und mit zwölfundreissig Siegel und Qualitätslabeln bedruckt ihr Liedchen davon trällern, wie glücklich alle waren, bei der Produktion dieses Produktes dabei gewesen zu sein. Inklusiver der glücklichen Tiere im Stall. 

Das glaubt doch kein Schwein mehr! Dem Verbraucher wurde beigebracht, dass die meisten hochgelobten Tierwohl-Produkte im Supermarkt doch am Schluss nur eine Farce sind. Wo jede Menge Geld für Werbung, aber nicht für den Bauern oder die Bäuerin drin steckt! 

Und wenn es eh wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, was da bei Tier und Bauern ankommt, wozu dann mehr bezahlen? Ich kann das gut verstehen. 

Über viele Konsumjahre hat uns „der Discounter“ beigebracht, dass er eine klare Preisstrategie fährt. Willste billig, kriegste billig. Aber wann hat denn ein Discounter in seiner Geschichte jemals glaubwürdig kommuniziert, dass ihm die Menschen und Tiere hinter der Wertschöpfungskette von Fleisch und Milch nicht am Allerwertesten vorbei gingen? Wohlgemerkt: Glaubwürdig?

Gute Preise für gutes Fleisch? Mal jemanden fragen, der sich damit auskennt!

Die einzigen, die über den Preis – und damit meine ich den Wert! – von Fleisch reden könnten, sind doch die Landwirte sowie die mit ihnen eng zusammenarbeitenden Betriebe wie Familienmetzgereien & Co. Und deswegen können diese auf ihren Höfen auch andere Preise einfordern: SIE sind das bessere Argument. 

Sommerfeld dagegen mahnt: „Wir müssen uns endlich eingestehen, dass Nachhaltigkeit der breiten Masse noch egal ist.“ Und schlussfolgert: „Der Verbraucher hat entschieden. Er hat die Revolution abgesagt.“

Alter Schwede. Ich platze. 

Nicht der Preis hält Menschen vom Kauf ab, es ist die Unglaubwürdigkeit 

Bei allem gebührenden Respekt: Am liebsten würde ich Herrn Sommerfeld direkt ins Auto packen und mit ihm die nächsten 25 Höfe anfahren, die auf ihrem Betrieb ihre Produkte selbst vermarkten: Mit den Tieren im Hintergrund, die eigenen Augen offen zu denen des Kunden gewandt. Ein Produkt, ein Handschlag. Ein angemessener Preis für wertvolle Produkte. Hier: Nix mit Diskussion: „Zahl ich nicht, will ich nicht.“ Kein Handeln. Da freuen sich die Menschen, genau zu wissen, wen sie da mit ihrem Geld unterstützen. 

Bio, Nachhaltigkeit, Tierwohl: Der Mensch dahinter muss glaubwürdig sein, sonst scheitern alle diese Konzepte. Lasst uns doch mal fragen: Gehören diese Konzepte überhaupt in den Discounter? Und wenn ja – was muss der Discounter zuvorderst tun, damit er endlich auch an Glaubwürdigkeit gewinnt?

Viele Verbraucher zahlen gerne mehr Geld, wenn sie wissen wofür. Und für wen.  Wehrmutstropfen an der Sache ist der, dass diese Menschen nicht die Marktmacht haben, nicht den Zugang zum Verbraucher. Wie es der LEH inne hat. Aber genau hier liegt die dicke Schippe Arbeit vor uns. Und zu dieser Arbeit zählt in meinen Augen auch, solche Alltagsmärchen wie „Teures Fleisch“ in die Realität zu bugsieren, sie zu korrigieren. Und nicht immer alles hinzunehmen, nur weil es seit Jahren behauptet wird.

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