Hier spricht Dr. Sebastian Bohrn Mena: „Je eher wir mit einem wachen Verstand und offenem Herzen einkaufen gehen, umso mehr können wir positiv gestalten.“

„Billigfleisch ist kein Naturgesetz!“

Diese Worte stammen von Dr. Sebastian Bohrn Mena. Er ist Gründer und Geschäftsführer des österreichischen Tierschutzvolksbegehrens, ein gemeinnütziger Verein, der ein allgemeingültiges, überparteiliches Tierschutz-Ansinnen im Kontext der Nutztierhaltung in Österreich umsetzen möchte. Hier berichteten wir ausführlich von dieser Initiative.

Heute soll der Gründer in den Fokus kommen. Denn Sebastian Bohrn Mena engagiert sich mitnichten nebenbei. Es ist sein Hauptanliegen. Und jeder, der sein Facebook– oder Instagram-Profil besucht, wird letzte Zweifel diesbezüglich ablegen.

Wir wollten von dem Ökonomen, bekennenden Vegetarier und berufenen Tierschützer aus Leidenschaft wissen, welche Wege er sieht, damit ein bewussterer Umgang mit „Nutztieren“ in der Mitte unserer Gesellschaft ankommen kann.

weidefunk
Mit dem Tierschutzvolksbegehren haben Sie der Gesellschaft in Österreich eine wertvolle Entwicklung angestoßen. Es steckt viel Arbeit hinter einem solchen Unterfangen! Was treibt Sie persönlich an, sich in diesem Thema so zu engagieren? 

Sebastian Bohrn Mena
Ich komme ursprünglich nicht aus dem Tierschutz, bin studierter Ökonom und seit Jahren im Bereich der Menschenrechte engagiert, zuletzt als Direktor in der Erwachsenenbildung.

Aber das unerträgliche Elend der Tiere im System Massentierhaltung und die damit verbundene Umweltzerstörung zwingen mich dazu, hier aktiv zu werden. Noch stärker, seit ich Vater eines kleinen Buben bin, denn hier geht’s letztlich auch um seine Zukunft. Da ich keiner Partei angehören und unabhängig von NGOs agieren möchte, bleibt mir nur das direktdemokratische Instrument des Volksbegehrens. 

© Sebastian Bohrn Mena
© Sebastian Bohrn Mena

Das Artenschutzvolksbegehren in Bayern hat eindrucksvoll demonstriert, dass sich das lohnt. Und die Horrormeldungen aus deutschen und österreichischen Schlachthäusern unterstreichen ja leider andauernd die Notwendigkeit: Über 20% der Tiere bzw. mehr als 13 Millionen Schweine müssen jedes Jahr aufgrund von Krankheiten oder Verletzungen notgeschlachtet werden. Das ist doch pervers! 

Wir können zwar als Einzelne über unseren Teller eine Entscheidung gegen diesen Wahnsinn treffen, und das ist auch sehr wichtig. Doch es dauert zu lange, bis das eine echte systemische Auswirkung hat. Wir brauchen daher auch das Wirken im Kollektiv, als Gemeinschaft, um gesetzliche Schranken zu erzwingen. So darf man mit Lebewesen einfach nicht umgehen dürfen, das hat nicht der „freie Markt“ zu entscheiden, sondern wir alle!

Jetzt geht’s darum, genügend Druck von unten aufzubauen, damit die Politik sich nicht länger nur den Konzerninteressen unterordnet, sondern das umsetzt, was eine Mehrheit der Bevölkerung sich wünscht. 

weidefunk
Holen wir uns mal ein Bild vor unser inneres Auge: Ganzjährige Weidehaltung im Herdenverband, natürliches Grünfutter, die Jungtiere bleiben bei ihren Müttern. Den meisten Menschen geht doch das Herz auf, wenn sie die Tiere in einer solchen Haltung beobachten! Die Realität der industriellen Tierhaltung repräsentiert das genau gegenteilige Bild. Woran liegt es, denken Sie, dass sich viele Menschen von den „Nutztieren“ so entfremdet haben, was ist da geschehen? 

Sebastian Bohrn Mena
Ich sehe das an mir selbst. Ich bin jetzt 34 Jahre alt, in einer Großstadt aufgewachsen. In der Schule habe ich nichts über die Lebensrealitäten der Bauern oder der landwirtschaftlich genutzten Tiere erfahren. 

Ich habe null darüber gelernt, wie unsere Lebensmittel erzeugt werden und was für Auswirkungen das auf Natur, Umwelt und Klima hat. Und letztlich habe ich dort auch kaum Bezug zu Kochen oder zu gesunder Ernährung mitbekommen.

Natürlich ist das auch Aufgabe der Familie. Aber wenn immer mehr Eltern rund um die Uhr arbeiten müssen oder selbst keinen gesunden Bezug zu ihrem Körper, zu Tieren oder zur Umwelt haben, wie soll das dann dort passieren? 

Viele von uns wachsen also in einem System auf, in dem wir den Fernseher einschalten und in der Werbung ein sprechendes, glückliches Ferkel sehen, das im Einklang mit der Natur und dem Bauer lebt. Und das nächste Mal sehen wir das abgepackte Fleisch im Kühlregal. Alles dazwischen ist ausgeblendet. 

Wenig ist so intransparent wie die Herstellung unserer Lebensmittel, dabei müsste es doch genau umgekehrt sein. Die Bilder in unseren Köpfen sind also dominiert und manipuliert von einer Industrie, die lieber hunderte Millionen in Werbung und letztlich Täuschung steckt, statt in faire Preise für die Erzeugnisse der Bauern, damit bessere Lebensbedingungen für die Tiere möglich wären. Da läuft doch grundsätzlich was schief. Und dann wollen wir die Schuld dafür den Konsumenten zuschieben, die wenig Möglichkeiten haben, sich profund zu informieren? So einfach kann man es sich auch nicht machen.

weidefunk
Wodurch könnte denn wieder Nähe erzeugt werden, die VerbraucherInnen also einen neuen Bezug zu den Tieren aus der Landwirtschaft aufbauen? Was sind aus Ihrer Sicht und Erfahrung umsetzbare Wege?

Sebastian Bohrn Mena
Zum einen müssen wir wegkommen von der künstlichen Spaltung zwischen den Interessen des Tierwohls und der Interessen der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Es geht nur gemeinsam.

Der echte Bauer ist kein Tierquäler, der Konsument kein gewissenloser Idiot. 

Es ist weder alles die pure Hölle, noch ist alles wunderbar. Die Wahrheit ist: Die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die tier- und klimafreundliche Produktion, das Idyll, von dem so viele träumen, ist stark bedroht. Denken wir an internationale Freihandelsabkommen, denken wir an den Trend zu immer größeren Tierfabriken. Die Zukunft von gesunden Lebensmitteln liegt in einer biologischen, regionalen Erzeugung. 

Die muss aber auch entsprechend gefördert werden. Natürlich gibt es eine Verantwortung der Konsumenten. Und wenn wir uns die Zahlen zu veganer und vegetarischer Ernährung ansehen, wenn wir uns die enormen Zuwachsraten von Bio-Produkten vor Augen halten, dann passiert da eh viel. 

Aber letztlich geht viel über den Preis. Und dass die Produkte, die maximal auf Tierleid und Umweltzerstörung aufbauen, am billigsten sind, ist kein Naturgesetz – im Gegenteil, es ist eigentlich absolut widersinnig. Denn die wahren Kosten des Billigfleisches sind horrend, es zahlen nur andere. 

Vor allem auch unsere Kinder und Enkelkinder, wenn wir uns die direkten Zusammenhänge von Massentierhaltung, Artensterben und Klimakrise ansehen. 

weidefunk
Worauf achten Sie und Ihre Familie persönlich beim Einkauf von Fleisch, Milch & Co, und welche alltäglichen Orientierungstipps würden Sie den weidefunk-Leser:innen ans Herz legen wollen? 

Sebastian Bohrn Mena
Ich selbst esse seit bald 7 Jahren keine Tiere. Zunächst aus ethischen Gründen, inzwischen auch aus ökologischen und gesundheitlichen Überlegungen heraus. Sollen alle für sich selbst entscheiden, wichtig ist aber, dass man hinterfragt, woher die Lebensmittel stammen und wie sie erzeugt wurden. Muss das Schwein tatsächlich mit genmanipuliertem Soja gefüttert werden, für das der Regenwald brandgerodet wird? Müssen Millionen männliche Küken tatsächlich am ersten Lebenstag geschreddert werden? Müssen Kälber tatsächlich ins Ausland gekarrt werden? 

© Sebastian Bohrn Mena

Wir können das schon auch beeinflussen mit unserem Konsum! Der Griff zu Bio ist etwa nie falsch, noch besser ist regional und Bio. Am aller sinnvollsten ist aber der bewusste Konsum: 

  • Wie viel brauchen wir wirklich? 
  • Wie viel möchte und kann ich essen? 
  • Wie viel landet im Müll, unverbraucht? 

Je eher wir mit einem wachen Verstand und einem offenen Herzen einkaufen gehen, umso mehr können wir damit positiv gestalten.

weidefunk
Stellen Sie sich doch mal bitte vor, Sie würden einen Vortrag vor einer Schulklasse – 7- oder 8-Klässler – halten. Bei der Vorbereitung würden Sie dann überlegen, welche Kernbotschaft Sie diesen Kindern mit auf den Weg geben wollen: Wie würde diese Botschaft lauten? Was würden Sie sich wünschen, nehmen die Kinder in Bezug auf ihren Konsum von Fleisch, Milch & Co. mit? 

Sebastian Bohrn Mena
Es kommt auf Euch an! Ihr selbst könnt einen Unterschied machen. Auf dem Teller, im Netz und auf der Straße!

Wie derzeit mit den Tieren und mit der Natur umgegangen wird ist etwas, das wir gemeinsam verändern können. Und etwas, das wir verändern müssen. Denn wie sich die Welt in Zukunft entwickelt wird auch darüber entscheiden, welche Chancen und Möglichkeiten Ihr in der Zukunft haben werdet. Alles ist miteinander verbunden.

Die Politik wird das nicht für uns lösen, das müssen wir in die Hand nehmen. Denn wir alle sind Bürgerinnen und Bürger, mit Rechten. Nutzen wir sie! Sorgen wir dafür, dass die Welt ein bisschen gerechter wird. Gerade auch für jene, die nicht für sich selbst sprechen können. 

Lieber Herr Bohrn Mena, herzlichen Dank für diese Worte und wir wünschen sehr viel Erfolg für all Ihre Vorhaben!

Das Interview führte Inga.

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