Echtes Tierwohl braucht echte Zutaten: Ehrlichkeit, Offenheit, Genuss.

Fühlst Du Dich eingeladen?

Wenn Du eingeladen wirst, kann Dich ein Hocker, ein Glas Wasser und ein Ecktisch mit ner Tiefkühlpizza drauf erwarten. Oder Du wirst eingeladen, und Du bekommst erstmal einen „Bauernhof Tequila“ und ein Happen zu essen in die Hand gedrückt. Dann versinkst Du in einer kuscheligen Sofalounge. 

Letzteres erwartet Dich bei Familie Keil. Die Keils haben einen landwirtschaftlichen Betrieb. Und erkannt: Ehrliches Tierwohl alleine reicht häufig nicht. Die Menschen müssen auch Lust bekommen, hinzuschauen. 

Mutiges Denken baut gute Wege und bietet Einsichten

„Wir haben alles auf Links gedreht, einen echten Cut gemacht.“

Claudia Keil

Jeanette, Lioba und ich staunen nicht schlecht, als wir nach einer knappen Stunde Fahrt gen Reken auf den Hof Keil einbiegen: Weitläufigkeit und Ruhe, das schießt uns in den Kopf. Dank meiner Navigationskünste sind wir nicht über den Gästeeingang, sondern von hinten auf den Betrieb gefahren. 

Gut 400 Rinder leben hier: Blonde d‘Aquitaines. Wagyu- und Angus Bullen, Taurus Rinder sowie Wasserbüffel. In großen Laufställen überwintern sie, bis sie von März bis November wieder auf die riesigen Naturschutzweiden dürfen.

Wir bewegen uns Richtung Haupthaus, an dem der Hofladen angeschlossen ist. Eine lange, corona-konform sich verhaltende Menschenschlange steht davor. Claudia kommt uns entgegen. 

Wären wir vor 8 Jahren hierhergekommen, hätte die Diplompädagogin uns einen klassischen Milchvieh- und Schweinemastbetrieb gezeigt. 2013 aber haben sie und ihr Mann Heiner umgebaut, „alles auf Links gedreht, einen echten Cut gemacht“ wie Claudia es beschreibt.

 

Ehrliches Tierwohl allein reicht nicht 

„Wenn wir eine Landmetzgerei haben, kommen die Leute schon. Nee! Da kommen die Leute eben nicht!“

Claudia Keil

Heiner hat eine landwirtschaftliche Lehre gemacht, aber die Landwirtschaftsschule später abgebrochen. Milchvieh und Schweine nach industriellen Maßstäben halten, war nie sein Ding. Und als Claudia kam, gab es für das Ehepaar kein Halten mehr: Mitten im Naturschutzgebiet gelegen, sollte dieser Hof zu einem Vorzeigebeispiel konsequenter und nachweisbar nachhaltiger Landwirtschaft werden. 

Was sich toll anhört, beginnt mit Lehrgeld. „Wenn wir eine Landmetzgerei haben, kommen die Leute schon, dachten wir. Nee da kommen die Leute eben nicht!“ lacht Claudia heute. Keils betreiben bis heute vorrangig Fleischdirektvermarktung, an Restaurants, Mensen (Studierendenwerk Münster) sowie an Privat über den Hofladen. Auch auf Konzepte wie die Marktschwärmerei Münster setzen sie.

Die beiden Landwirte entwickelten dabei aber eine auffällige Sensibilität für die Bedürfnisse ihrer Kunden: „Vertrauen ist das höchste Gut, was der Verbraucher uns schenken kann.“ Erzählt mir Claudia. „Und dass wir hier eine konsequent natürliche Tierhaltung leben, das wissen wir.“ Oh ja: Die Tiere der Keils werden auf dem Hof durch Natursprung gezeugt, hier geboren, in Mutterkuhhaltung aufgezogen (9 Monate) und nicht enthornt. Sie leben 2 Sommer im Naturschutzgebiet und werden 24 bis 32 Monate alt. 

„Aber wir wollten, dass es auch die Menschen sehen, spüren, erleben!“ 

Mehr als ein Bildungsauftrag: Vom Tier zum Teller

Formal führen die Keils einen Betrieb, der die gesamte Wertschöpfungskette in sich fasst. Das bedeutet: die Tiere werden hier geboren und sterben hier. Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung finden hier genauso statt wie der Verkauf. Ein gesundes, geschlossenes System. Das sich so offen zeigt, wie es die Landwirtschaft der Zukunft braucht. 

Führungen und Events sind Teil des Gesamtkonzeptes: „Du erreichst die Menschen – und darauf kommt es am Schluss immer an!“ weiss Claudia. Alle Veranstaltungen laufen dabei unter einem pädagogischen Thema. Bist Du zum Beispiel Chef einer Firma, und möchtest Deine Mitarbeitenden zu einem außergewöhnlichen Grill Abend einladen, dann buchst Du die „Bullenstube“; wohl eine der gemütlichsten und bestausgestatteten „Party Locations“ im Münsterland. Aber Du grillst, trinkst, isst und feierst nicht nur. Sondern Du und Deine Mitarbeitenden lernen die Herkunftsgeschichte des Fleisches kennen, das da brutzelt. 

Alle Stationen werden dabei durchlaufen: Ställe, Weiden, Wohlfühlareale der Tiere und der Schlachtraum inklusive Tötungsbox. Das ist Keils Anliegen: Ein Tier hat ein Leben, bevor es Fleisch wird. Und Du, lieber Mensch, bestimmst, wie das Tier gelebt hat. 

„Wenn wir die Tiere schon schlachten, dann bitte schonend, hier zuhause ohne Stress und: alles am Tier wird verwertet!“

Claudia

Brückenbauern 

„Wenn Sie das nächste Mal im Supermarkt an der Fleischtheke sind, dann denken Sie doch mal an uns.“

Claudia

„Wir wollen, dass die Menschen bei uns was erleben, Hintergründe erfahren und ihre Sehnsucht nach Natürlichkeit stillen.“ Manch böses Gemüt könnte erwidern: „So eine Bauernhof-Idylle hat doch nichts mit der heutigen Landwirtschaft zu tun!“ Doch, hat es. Mächtig viel sogar: 

Das Zusammentreffen von Genuss, Wohlfühlen, Erfüllung von Bedürfnissen mit einem Betrieb, der als formelle Säulen Fleischvermarktung, Naturschutz und nachhaltige Landwirtschaft besitzt, hat vorbildhafte Brückenbaufunktion. Es gibt unzählige Betriebe, die nachhaltige und tierwohlbezogene Landwirtschaft betreiben – aber was, wenn kein Mensch es mitbekommt?

Claudia und Heiner dagegen können lebendig zeigen, was sie machen. Weil sie gelernt haben, die Menschen anzusprechen und nachhaltig zu erreichen. Und das ist notwendig, denn im Supermarkt beim Fleischeinkauf ist manch vorher versprochene Nähe schnell wieder vergessen. Und so nimmt Claudia Ihre Gäste in eine liebevolle Pflicht: „Wenn Sie das nächste Mal im Supermarkt an der Fleischtheke sind, dann denken Sie doch mal an uns.“

Genuss, Lust, Wohlfühlen – hart erarbeitet 

„Wir sind nicht Bio. Wir sind nicht konventionell. Wir sind Keil.“

Heiner

Die Keils haben ihren eigenen Weg gefunden. Volles Risiko sind sie damals gefahren, und auch heute ist nicht alles eitel Sonnenschein. „Du muss das echt wollen, Du musst den harten Bruch machen.“ erzählt Heiner mit Respekt in der Stimme. Und Claudia erinnert sich: „Am Anfang haben wir noch Listen abtelefoniert: ‚Wer möchte Fleisch?‘ Richtig Klinkenputzen war angesagt.“ Obwohl beide nie wissen konnten, was daraus wird, haben sie immer weiter eine Schippe draufgelegt: Verkauf von immer einfallsreicheren regionalen Produktsortimenten, Führungen, Patenschaften, Events … all das hätte von den Menschen auch nicht angenommen werden können. 

Doch der gute Ruf eilt diesem Hof im Münsterland mittlerweile voraus. Claudia und Heiner arbeiten an ihrem Konzept eifrig weiter – jeden Tag und auch mal Nachts. Sie fanden ihren eigenen Weg: „Wir sind nicht Bio. Wir sind nicht konventionell. Wir sind Keil.“

Aus unserer Sicht braucht es ihren Weg. Damit auch andere den Mut fassen, ihren individuellen Weg in der Landwirtschaft zu bauen, auf denen wir als VerbraucherInnen endlich mitgehen können und wollen. 

Danke, Claudia und Heiner, für Eure herzliche Gastfreundschaft, nicht nur uns sondern allen gegenüber, die das Wohl der Tiere ernst nehmen und unterstützen wollen.  

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