Astrids Milchkühe dürfen Mütter sein: Wie diese Landwirtin heute schon eine landwirtschaftliche Zukunft lebt, die Du lieben wirst.

Schwarz-Weiß-Denken ist verführerisch einfach. Und einfach nicht genug!

Das Herz ist nicht nur ein zentrales Organ. Es ist im metaphorischen Sinne einer der wichtigsten Treiber, um in der Landwirtschaft Dinge zu verändern, die sich durch die Industrialisierung ihren Platz klammheimlich gesichert haben. Wie die selbstverständliche Trennung von Mutterkuh und ihrem Kalb nach der Geburt. In unserem derzeit laufenden Schulprojekt müssen wir wieder erfahren: Die wenigsten Menschen wissen von dieser Praktik. Und den grauenvollen Konsequenzen für Kälber und Kühe. 

Da die Industrienationen einen gigantischen Durst und Hunger auf die weiße Flüssigkeit haben, muss davon extrem viel produziert werden. 

„Go vegan“ schien hier lange Zeit der einzige Ausweg zu sein. 

Ich schätze jeden Menschen, der diesen Weg aus Überzeugung einschlägt. Doch ich schätze es nicht mehr, wenn aus dieser Überzeugung heraus andere Wege zugemauert werden: „Go vegan oder sei schuldig!“

Nein, es muss mehr Wege geben. Für die vielen Menschen, die nicht vegan leben wollen oder können. Damit komme ich zurück zum Herzen. 

Herzensangelegenheit mit Zukunft: Muttergebundene Kälberaufzucht

Im Schulprojekt ist uns wichtig, SchülerInnen hinter die Kulissen der Milchindustrie zu führen. Aber wir dürfen und wollen die Kids nicht mit obiger Schwarz-Weiß-Entscheidung stehenlassen. Daher führen wir die Kids nach dem Einblick in die Milchindustrie zu einem Ausblick – wir zeigen ihnen: 

Es gibt heute schon Milchbetriebe, da leben Mutterkuh und ihr leibliches Kalb zusammen. Muttergebundene Kälberaufzucht nennt sich das. 

Milchviehbetriebe, die diesen Weg einschlagen, gehen hohe Risiken ein. Das ist kein nettes emotionales Beiwerk, sondern eine Haltungsentscheidung mit Einfluss auf den ganzen Betrieb und seine Existenzgrundlagen!

Muttergebundene Kälberaufzucht kannst Du als LandwirtIn nur aus tiefster Überzeugung machen. Sonst schaffst Du das nicht. Der Verstand bringt Dich auf Ideen. Aber erst das Herz schenkt Dir die Kraft für die tägliche Umsetzung. 

Astrid Hellmig ist so eine Milch-Landwirtin. Sie ist Herz, Verstand, Vorausblick und Mut in einer Person. Lioba und ich besuchten sie am vergangenen Samstag auf ihrem Hof in Extertal.

Hof Hellmig: Landwirtschaft mit Unterscheidungscharakter

Du fährst auf Astrids Hof: es ist alles offen, Du siehst Tiere, die Dich neugierig anblicken. Und den LiebhaberInnen muttergebundener Kälberaufzucht fällt es direkt ins Auge: Hier leben Kühe mit ihren Kälbern zusammen, kuscheln, schlafen, säugen, spielen. Ein wertvoller Anblick. 

Beides ist „Landwirtschaft“ – wohlgemerkt! Uns interessiert nur der Hof Hellmig, deren Tore für interessierten Besuch stets geöffnet werden.

Von Anfang an beschlossen: „Jede Kuh zieht ihr eigenes Kalb groß!“

Mit Landwirtschaft hatte Astrid am Anfang nichts zu tun. Die Eltern Ihres Mannes André schon. Astrid und André übernahmen den elterlichen Hof 2014 und stellten diesen 2016 mutig auf „Bio“ um. Aber das reichte ihnen nicht:

Sie wollten die Mutter-Kind-Bindung. Diese Herzenssache trieb besonders die gebürtig aus Argentinien stammende Astrid voran. Ihre Großeltern hatten damals ein paar Kühe, erinnert sie sich, die wurden per Hand gemolken. Eben die Menge, die eine Familie braucht. Das Kalb durfte danebenstehen und anschließend weitersüffeln. Für Astrid ist dieser Umgang mit Milchkühen bis heute Vorbild. Milchtrinken bzw. Konsum tierischer Erzeugnisse ist für sie in Ordnung, wenn deren Produktion ein Qualitätsmerkmal beachtet: Respekt vor den Tieren.

Sie und André haben viel auf sich genommen, um diesen Respekt vor ihren knapp 70 Milchkühen konsequent zu leben. „Wir haben von Anfang an gesagt: jede Kuh zieht ihr eigenes Kalb groß!“ 

Patenschaft als Rettungsring: Exakt die Milchmenge zahlen, die das Kalb trinkt

„Schau doch, wie Kühe ihre Kälber lieben!“

Astrid

Mutter-Kind-Haus – so wird der Strohstall liebevoll genannt, in dem die Kühe mit ihren Kälbern ganzjährig leben. Im Sommer ist es dann ihr Offenstall mit Weidezugang. Sie können dann nach Belieben rein und raus.

Die Kühe werden auf diesem Betrieb gemolken, klar. Doch nur so viel, dass der Durst der Kälber gestillt wird. Sie dürfen im Familien- und später Herdenverbund 2 Jahre alt werden. Dann gehen die meisten Bullen zum 20 Min. entfernt liegenden Dorfschlachter. André und Astrid bringen die Tiere selbst dorthin. Einmal im Monat kann das Fleisch ab Hof gekauft werden. Doch wer glaubt, dass damit diese Landwirtschaftsfamilie prima leben kann, irrt. 

„Ohne Patenschaften wäre das hier nicht möglich!“ mahnt Astrid. Paten haben bei den Hellmigs die Möglichkeit, für ein männliches Kalb eine Patenschaft zu übernehmen, die exakt die „Milch-Differenz“ ausgleicht, die entsteht, wenn das Kalb seine Muttermilch trinkt und so eben nicht verkauft werden kann. Kurz: Du spendest als Pate dem Kalb die Menge Milch, die ihm von Natur aus zustehen würde.   

Nach Ablauf der Patenschaft steht dem Paten auf Wunsch 1/16 (ca. 15kg) des Bullen zu. Viele Paten wollen das nicht – zu stark ist die persönliche Bindung an das Tier geworden. Auf den Punkt gebracht: Das Tier hat durch die Patenschaft eine Identität erhalten. 

Das Patenschaftskonzept stellt also eine Art Rettungsring dar: Wenn ein Hof will, dass seine Kälber wesensgerecht aufwachsen dürfen, brauchen diese externe finanzielle Hilfe von Dir und Euch. Ohne geht es nicht! Dafür sind die Milchpreise viel zu kaputt. Aber dazu später. 

„Landwirte durften doch noch nie ihre Preise selbst bestimmen! Dieser Zwang, mit wenig Geld maximal produktiv zu sein, hat erst dazu geführt, dass sich die Menschen von Natur und Tier distanziert haben!“

Astrid

Astrids dagegen fördert und fordert die Nähe zu den Tieren. 

Verliebt zeigt sie auf ihre Herde: „Schau doch, Inga, wie Kühe ihre Kälber lieben. Das kannst Du mit der ammengebundenen Kälberaufzucht nicht ausgleichen. Mutter und leibliches Kind gehören zusammen.“

Juliana beäugt mich milde und ruhig, während ich mit ihrem Kalb Julie schmuse:

Astrid: Über Tod und gutes Leben selbst bestimmen

„Ich sehe mein Leben nicht als wertvoller an als das der Tiere.“

Astrid

„Tiere umbringen darf man nicht!“ lese ich fast täglich unter Social Media Posts. Tiere werden aber getötet. Und zwar millionenfach in der Industrie zu Bedingungen, die so grausam sind, dass dieser Anblick kaum einer von uns aushält.  

Wir brauchen daher dringend Menschen wie Astrid. Ich provoziere: Diese Landwirtin darf aus meiner Sicht moralisch über den Tod ihrer Tiere bestimmen. Ich erkläre das auch gerne: 

Der enge, aber wohltuend natürliche Bezug zu Tieren ist Astrid in die Wiege gelegt, aber sie hat diesen Bezug in ihrem weiteren Leben auch liebevoll kultiviert: Für sie haben Tiere eine Persönlichkeit. Aber weder vermenschlicht sie Tiere, noch stellt sie sie „unter“ den Menschen. Eine Haltung, mit der ich zutiefst im Einklang stehe: „Ich sehe mein Leben nicht als wertvoller an als das der Tiere!“ Astrid übernimmt volle Verantwortung für das, was und wie sie es tut. Sie gibt für das wesensgerechte Leben ihrer Tiere 100 % – und sorgt mit deren Tod dafür, dass wieder neue Tiere nachkommen können, die ebenso ein gutes Leben haben dürfen. 

Gäbe es keine Betriebe wie den von Hellmigs, gäbe es keine Alternative zur Industrie. Und wieviel Verantwortung wird die Industrie wohl jemals für das qualitative Leben eines Tieres übernehmen wollen? 

Genau. 

Knall vor den Kopp: Herzenshaltung im Supermarkt nicht kenntlich 

Die behornten Milchkühe bei Hellmigs sind sehr verschmust, wir spüren den familiären Bezug, den diese Tiere genießen dürfen. Und dennoch: Es ist ein Milchviehbetrieb. 

Hellmigs liefern ihre Milch an die Berliner Milchmanufaktur. Und Du magst jetzt denken: Na, wenigstens wird die Mühe dort entlohnt! Schließlich bieten Astrid und ihre Familie den Milchkühen und ihren Kälbern ein weit überdurchschnittlich schönes Leben. Und Menschen honorieren auch Hellmigs Engagement durch direkten Kauf von Fleisch, Milch und Käse auf dem Hof, wertschätzende Worte von Angesicht zu Angesicht sowie via Facebook.  

Aber im Supermarkt haben wir keine Chance, ihre Arbeit zu honorieren: Kaufst Du Hellmigs Milch im Supermarkt, wirst Du nicht mal mehr erkennen können, dass diese Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht stammt! Geschweige denn vom Hof Hellmig … 

Ihre Milch geht als normale Biomilch in den Handel ein. Mit entsprechend (zu niedrigem) Preis. 

Die Krux: Keine einzige Molkerei weist die muttergebundene Kälberaufzucht aus. Es gibt zu wenige Höfe, die dieses Konzept umsetzen. „Es lohnt sich für die nicht, aus logistischen und anderen Gründen.“ sagt Astrid fast resigniert.  Aber sie kämpft weiter.

Machst Du mit? 

„Ich hatte auch die Phase, wo ich total gefrustet war. Aber ich begriff: Ich rette nicht die Welt – aber in meinem kleinen Radius, meinem Hof, kann ich alles so ausrichten, wie ich das haben will!“ 

Dieses Prinzip können wir alle von Astrid übernehmen: Im eigenen kleinen Radius wirken. Und Hellmigs leben mitnichten idealistische Landwirtschaft. Ihr Denken und Handeln haben Hand und Fuß. Immer wieder schoss mir während unseres Gespräches dieser eine Satz in den Kopf: 

Bitte haltet durch! Euer Hof gestaltet gerade die Zukunft, die wir brauchen.“ 

Besuch Astrid, sprecht über die muttergebundene Kälberaufzucht in Deinem Umfeld oder in der Schule, verlang Produkte aus dieser Haltung – auch wenn es sie noch nicht im Supermarkt gibt! Nur, wenn wir es schaffen, über neue Weg sprechen, werden sie auch gebaut werden.

Produkte zur muttergebundenen Kälberaufzucht findest Du hier – natürlich auch den Hof Hellmig: 

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